Unterwegs zum Schwarzen Mond

Wenn es um Luft- und Raumfahrt im III. Reich geht, kennt die Guido-Knoppisierte Geschichtsschreibung kaum etwas anderes als Wernher von Braun und Peenemünde. Dabei hat es immer auch nichtmilitärische Forschungsanstrengungen gegeben, gerne auch in der Provinz. Einen Anfang machte die Breslauer Astronomische Vereinigung e. V. in ihrem Mitteilungsblatt ASTRONOMISCHE RUNDSCHAU vom Januar 1938:

Es ist nunmehr zehn Jahre her, seit die ersten Raketenautos über die Rennbahnen rasten, und die Aufmerksamkeit der ganzen Welt auf ein Problem von ungeheurer Tragweite gelenkt wurde: das Problem der Weltraumfahrt. Wurde doch hier der Öffentlichkeit zum ersten mal ein Antriebsmittel vorgeführt, das - bei weiterer Vervollkommnung - als einziges imstande sein dürfte, in bisher unerreichte Höhen vorzudringen.

 

 

Da müsste doch etwas geschehen, fand Artikelautor Hans K. Kaiser. Ein Jahr später hatten sich das Blättchen in WELTRAUM umbenannt und machte mit dem französischen Raketenforscher Maurice Poirier auf. Im Herbst 1939 ging die Herausgeberschaft des Hefts an eine Gesellschaft für Weltraumforschung e. V. in Köln über, die wenig später erklärte, ihre Arbeit bis zum Ende des Krieges einstellen zu wollen. Trotzdem entstanden weitere Ortsgruppen, u. a. im Vorharz-Städtchen Osterwieck, wo mein Vater Vorsitzender wurde. Der gerade einmal 18-jährige Eisenbahnverkehrs-Kaufmann Hanns Sievers hatte sich nach Ende seiner Lehrzeit nicht freiwillig zum Kriegsdienst gemeldet und konnte so noch einige Monate gewinnen, die er u. a. für die Vereinsarbeit nutzte.

 

 

Im Frühjahr 1941 war dann auch der WELTRAUM auf Papier wieder da, weniger raketentechnisch, dafür mehr phantastisch. Es gab eine ausführliche Besprechung des bereits 1937 gedrehten Bavaria-Films "Weltraumschiff I startet". Der Rezensent hielt den Start von einer schrägen Gleitbahn für eine gute Möglichkeit, mit den bestehenden technischen Möglichkeiten in den erdnahen Weltraum zu gelangen. Am Ende der Gleitbahn hätte der Flugkörper eine hinreichende kinetische Energie erreicht, um ihn auch mit der Verzögerungs-behafteten Funkfernsteuerung einigermaßen sicher weiter nach oben zu befördern.

 

 

Das Wie war nun geklärt, blieben nur noch das Wohin und Weshalb? Da die Treibstoffreserven nach dem kräftezehrenden Start begrenzt waren, sollten andere Planeten und größere Monde nach Möglichkeit gemieden werden. Die Fernerkundung aus einer geostationären Umlaufbahn wurde interessant und auch schon die Asteroiden. "Zur Frage eines weiteren Erdmondes" äußerte sich W. Gorm im August-Heft 1942:

Schon vor 300 Jahren enthielten astronomische Tabellen Angaben über einen zweiten Erdmond, die, ganz im Stil der damaligen Zeit, auf Aussagen über den sogenannten "Schwarzen Mond" der Astrologen zurückgehen. Als erster will ihn der italienische Astronom Piccoli am 2. September 1618 gesichtet haben, und seitdem sind 23 Meldungen über angebliche Beobachtungen des „Schwarzen Mondes“ bekannt geworden. Er soll sehr schwer zu beobachten sein, da er nur bei Vorübergängen vor der Sonnenscheibe sichtbar sein soll. Zum letztenmale wollen ihn mehrere Personen 1898 in Wiesbaden und Greifswald gesehen haben.

Dieser erdbegleitende Kleinmond oder besser Asteroid existiert tatsächlich, die NASA bestätigte 2016 seine Existenz unter dem Kürzel HO3, hawaianisch auch Kamo'oalewa 469219 genannt. Wobei es sich nicht wirklich um einen Erdmond handelt, Kamo'oalewa umkreist nur die Sonne auf einer der Erdbahn sehr ähnlichen Umlaufbahn. Jedenfalls kommt der 40 bis 100 m große Himmelskörper der Erde hinreichend nahe, um für unbemannte bergbauliche Erkundungsmissionen interessant zu sein. Auch die kleineren Marsmonde wurden als Ziele in Erwägung gezogen.

Die Gesellschaft für Weltraumforschung e. V. hatte inzwischen ihren Hauptsitz nach Berlin verlegt und einen Forschungsschwerpunkt "Bergbau im Weltraum" ausgerufen. Unter dem Eindruck der Niederlage von Stalingrad und wohl auch des Göbbelsschen "totalen Krieges" stellte der Verein seine Tätigkeit vermutlich im Frühjahr 1943 endgültig ein. Das Vorhandensein bergbaulicher Fachliteratur in der Vereinsbibliothek soll einige Esoteriker zu der Vermutung veranlasst haben, dort seien "Mondnazis" am Werk gewesen.

Die chinesische Weltraumbehörde bereitet z. Z. eine Erkundungsmission u. a. zum Kamoʻoalewa vor. Im Jahr 2022 soll die Sonde namens „Zheng He“ mit einer Changzheng-3B-Rakete starten. Während einer feierlichen Zeremonie in Peking wurden chinesische Universitäten und Privatunternehmen sowie ausländische Forschungsinstitute dazu eingeladen, sich mit Nutzlasten an der Mission zu beteiligen.