Die Rache der Wächterin

Wenn Bini nun abends vom Dienst kam, blieb sie einsilbig und aß nur wenig. Einmal weinte sie sogar in ihr Bierglas. Da hatte die alte Würgeschlange über sie gelacht. Frau Dr. Boa war Leiterin des städtischen Gesundheitsamts und Bini hatte sie in einer dienstlichen Angelegenheit aufgesucht.

Obwohl die Besucherin im stilvollen stahlblauen Blazer und schwarzer Hose erschienen war, hatte sich die Amtsleiterin längere Zeit über die Uniformierung des neuen Dienstes belustigt, den sie offensichtlich als Ganzes nicht ernstnahm.

Odie versuchte, seine Angetraute zu trösten, doch dieser stand der Sinn nach Rache! Die Boa war mit allen Wassern gewaschen, aber ein Zuträger aus dem Rathaus wollte beobachtet haben, wie der Oberbürgermeister, ohne sich die Hände zu waschen, aus der Klobox durch die Toilette direkt auf den Flur gelaufen sei.

"Die olle Pottsau!", befand Bini empört. Dabei sang das Stadtoberhaupt häufig zum Abschluss seiner täglichen Videobotschaften das Lied vom Händewaschen, im Trio mit der Würgeschlange und der Gebärden-Dolmetscherin:

"Hände waschen muss das Kind - schrubben, bis sie sauber sind!"

Den müsste man, fand Bini, in flagranti ertappen oder wenigstens bei seinen Untaten filmen. Die leidenschaftliche Hygienewächterin hatte sich schon in der Abteilung Ausstattung erkundigt, professionelle Überwachungstechnik war unverhältnismäßig teuer und ihre Software enthielt Hintertürchen für so ziemlich alle Geheimdienste dieser Welt.

"Nehmt doch einfach so ein Babyphone mit Kamera und klebt es auf dem Rathausklo in eine Ecke!", riet Odie. Die Wächterin näselte kurz dankbar ihren Gehilfen, dann sprang sie auf und schlüpfte in ihre Joggingklamotten. In straffem Tempo trabte sie zum Blödmarkt und erreichte diesen kurz vor Ladenschluss. Nach kurzer fachlicher Beratung erstand sie dort ein Babyphone und trabte nach Hause zurück.

Das Babyphone wurde gleich auf der Toilette der jungen Familie erprobt. Bini stellte mit dem Laptop vom Frisiertischchchen aus die Datenverbindung her. Odie durfte den OB doubeln: er wusch sich gründlich die Hände, schnitt Grimassen und sang das Lied vom Händewaschen in der obszönen Version:

"... wi...en, bis sie blutig sind." Schließlich war die Hygienikerin mit der Bildqualität zufrieden und gewährte ihrem Gehilfen die Gunst, diese Nacht auf dem Merino-wollenen Bettvorleger verbringen zu dürfen. Eigentlich hatte er noch Schlafzimmer-Verbot und er wusste weshalb.

Drei Tage später waren die Bewegtbilder des hygienefernen Stadtoberhaupts "im Kasten". Der Hauptabteilungsleiter Öffentliche Keimabwehr schrieb geharnischte Briefe an Stadtverwaltung, Stadtrat und Presse, denen er entsprechende screenshots beilegte. Doch nichts geschah, die Stadtspitze hüllte sich in Schweigen, der Lokalzeitungs-Redakteur konnte oder wollte keinen Nachrichtenwert erkennen. Und beim Lokalfernsehen war der Videoschnipsel angeblich verlorengegangen.

Eine weitere Woche später grif ein kleines privates Nachrichtenportal die Angelegenheit auf und politische Gegner der Bürgermeister-Partei brachten einen Antrag im Stadtrat ein, dem OB im Rahmen einer Untersuchung vorsorglich die Amtsgeschäfte zu untersagen. Weitere zwei Wochen später wurde der OB mit Schimpf und Schande aus dem Rathaus gejagt. Die alte Würgeschlange würde so schnell nicht wieder über Bini lachen!

An diesem Abend feierte das junge Paar seinen Erfolg mit Rotwein und Pizza im Ehebett. Spät in der Nacht berichtete der glückliche Gatte seiner besseren Hälfte verwundert von einem ganz ungewöhnlichen Gefühl:

"Ahh, ich fühle mich, als wenn ich mein gesamtes Rückenmark verspritzt hätte und das Gehirn gleich mit."

"Das mit dem Gehirn könnte stimmen", flüsterte sie zärtlich und liebkoste seinen Kopf.

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